Was machen ungelöste Konflikte mit einer Band oder einem Ensemble?
Konflikte kosten Energie – auch wenn niemand darüber spricht
Konflikte finden häufig im Hintergrund statt. Sie sind nicht immer der sichtbare Streit oder die laute Auseinandersetzung.
Viel häufiger sind es gerade die unausgesprochenen und verdeckten Konflikte oder auch der große rosa Elefant im Raum – der „Pink Elephant in the Room“ –, der uns einschränkt, uns Energie kostet und unsere Weiterentwicklung behindert.
An dieser Stelle habe ich zuletzt darüber geschrieben, wie du Konflikte in deiner Musikgruppe erkennen kannst. In diesem Artikel schauen wir mal auf die Frage, was passiert, wenn wir Konflikte nicht benennen und klären.
Was ungelöste Konflikte mit unserer mentalen Gesundheit machen
Die Bedeutung von Mental Health ist längst in der Musikbranche angekommen. Gut so. Konflikte, die nicht geklärt und nicht gelöst werden, können uns in permanenten Stress und eine Daueranspannung bringen. Wenn das passiert, kann das auch Folgen für die Psyche haben und die mentale Gesundheit belasten.
Viele Musiker*innen, mit denen ich arbeite, berichten mir zum Beispiel davon, dass sie regelmäßig schlecht schlafen und besonders abends und nachts in einen Dauer-Grübel-Modus kommen. Die belastete zwischenmenschliche Beziehung lässt sie nicht zur Ruhe kommen. Die Gedanken kreisen.
Wenn zwischenmenschliche Beziehungen nicht geklärt sind, kann sich dort so etwas wie eine negative Energie anstauen. Diese Energie schafft Unsicherheit. Das spürst du vielleicht besonders, bevor es in ein Bandmeeting, in die Probe oder auch auf Konzertreise geht.
Auch Vertrauen und Verbindung untereinander können sich verändern. Das kannst du zum Beispiel an deinen eigenen Gedanken merken: Wie denkst du über die andere Person? Oder du merkst es daran, wie andere Personen sich dir gegenüber verhalten.
Einzelne Personen ziehen sich vielleicht zurück und damit verändern sich auch Verbindung und Beziehung innerhalb der Gruppe.
Vielleicht kennst du auch das Gefühl, ständig aufpassen zu müssen. Wir sagen dazu auch: wie auf Eierschalen gehen. Dieser Ausdruck beschreibt ganz schön, wie vorsichtig wir werden – meistens, weil wir Angst haben, dass gleich irgendwo etwas explodiert oder ein Vulkan ausbricht. Wir passen auf, um für unsere eigene Sicherheit zu sorgen – oder besser: weil wir uns um unsere Sicherheit sorgen.
Bei Musikgruppen gibt es oft keinen Feierabend vom Konflikt
Das Besondere an Musikgruppen, Orchestern, Bands und Ensembles ist, dass ihr anders als viele Menschen in anderen Berufen miteinander verbunden seid.
Zum einen auf einer ganz praktischen Ebene: Wenn ihr zum Beispiel auf Tour seid, dann habt ihr eben nicht um 17 Uhr Feierabend und jeder geht seiner Wege. Ihr seid dann praktisch 24/7 zusammen. Von der Anreise im Nightliner geht es direkt zur Venue zum Soundcheck. Dann kurz Zeit für Essen, Show spielen, danach direkt ab zum Merchandise. Wenn du dann endlich in deiner Koje oder im Hotel bist, ist die halbe Nacht schon rum. Und morgen geht es ja schon wieder weiter…
Dass das auch schön ist, ist doch klar. Aber es gibt eben auch ganz selten mal die Möglichkeit, Abstand zu nehmen. Ein ungelöster Konflikt zwischen euch belastet euch dann unter Umständen noch mehr, als er das bei „Menschen-mit-Feierabend“ tut.
Viele Musiker*innen sind auch untereinander befreundet und haben auch persönlich eine wichtige Beziehung zueinander. Die meisten musikalischen Projekte beginnen mit einer Freundschaft und der menschlichen Verbundenheit zueinander. Es ist also nicht nur eine rein geschäftliche Beziehung, die in einem Konflikt eine Rolle spielt. Häufig sind gleichzeitig eure Freundschaften und persönlichen Verbindungen betroffen.
Was Konflikte mit der Qualität unserer Musik machen
Wer sich nicht sicher fühlt, bringt sich mit weniger Ideen ein. Wenn du vielleicht sogar erwartest, dass dein kreativer Vorschlag sowieso abgewertet wird, dann entscheidest du dich vermutlich irgendwann dafür, ihn lieber zurückzuhalten.
Sicherheit geht vor.
Für gemeinsame kreative Prozesse sind außerdem Feedbackschleifen super wichtig. Ehrliches und durchaus auch kritisches Feedback untereinander ist wichtig, um lebendige gemeinsame Musik zu erschaffen.
Wenn wir uns jedoch nicht sicher fühlen, dann halten wir dieses kritische Feedback vermutlich lieber zurück.
Und damit kann am Ende auch die Qualität der Musik leiden.
Musikalische Kommunikation
Musik ist eine – und vielleicht sogar die schönste – Art der Kommunikation.
Das setzt voraus, dass ihr Freude daran habt, euch untereinander wahrzunehmen. Es braucht Offenheit und Freude an der Reaktion aufeinander.
Wenn unausgesprochene oder ausgesprochene, aber nicht geklärte Konflikte euch zu sehr beschäftigen, kann es passieren, dass sich einzelne Personen oder sogar alle in der Gruppe in ihr eigenes Eckchen zurückziehen.
Auch hier spielt Sicherheit wieder eine Rolle.
Warum sollte ich mich zeigen und riskieren, dass es jemand nicht gut mit mir meint?
Musik braucht Risikobereitschaft
Kreativität in der Musik braucht immer auch die Möglichkeit, etwas auszuprobieren – und damit auch die Möglichkeit zu scheitern.
Dieses Risiko kann ich nur eingehen, wenn ich mich in meiner Gruppe ausreichend sicher und wohl fühle. Ungeklärte Konflikte verhindern genau das. Statt dass wir offen und mit Vertrauen aufeinander zugehen, ziehen wir uns eher zurück. Wir wählen dann Sicherheit statt Risiko. Das ist verständlich, aber die Musik leidet fast immer darunter. Sie verliert dadurch ihre Lebendigkeit.
Spielfreude und Energie
Es gibt Dinge, die kann man einfach nicht ersetzen. Die stehen in keiner Note und lassen sich auch nicht in der Musiktheorie abbilden.
Und das ist vielleicht fast das Wichtigste: eure Spielfreude und eure Energie.
Euer Gig kann technisch noch so hervorragend sein und ihr könnt noch so gut miteinander spielen. Wenn ihr wirklich einen Unterschied auf der Bühne und bei eurem Publikum machen wollt, dann braucht es immer auch eure Spielfreude aneinander.
Denn nur dadurch entsteht diese unverwechselbare Energie auf der Bühne, die euch als Band ausmacht.
Ich selber erinnere mich (wenn auch etwas ungern) an meine Zeit in einer Gala-Band, in der ich vor vielen Jahren als Brotjob gespielt habe. Es gab dort immer wieder stressige Situationen mit einem Kollegen in der Rhythm Section. (Er war schon länger in der Band und wollte, glaube ich, einfach immer wieder klarstellen, dass er von uns beiden der „Ranghöhere“ war…) Das hat mich damals immer wieder verunsichert. Letztlich habe ich dann immer weiter zurückgezogen und habe meinen „inneren Musiker“ schließlich zu Hause gelassen. So gut es ging, habe ich einfach „die Note“ abgespielt. Schade. Wir hatten eigentlich ganz nette Gigs damals…
Konflikte kennen keine Grenzen
Leider bleiben Konflikte nicht immer dort, wo sie angefangen haben. Sie breiten sich aus. Und auch wenn sie gar nichts mit eurem Spiel auf der Bühne zu tun haben, kann es trotzdem sein, dass genau eure Performance vor dem Publikum darunter leidet, dass es an einer ganz anderen Stelle in eurer Band oder eurem Business gerade einen Konflikt gibt.
Ein Konflikt kann im Business beginnen und irgendwann auf der Bühne landen. Er kann bei einer musikalischen Entscheidung anfangen und irgendwann eine Freundschaft belasten. Und er kann zwischen zwei Menschen beginnen und schließlich die Zusammenarbeit einer ganzen Gruppe verändern.
Konflikte verändern eure Zusammenarbeit
Es gibt einen Punkt, der praktisch bei allen Bands vorkommt, die ich als Mediator begleite:
Es fällt immer schwerer, Entscheidungen zu treffen.
Entscheidungen werden vertagt oder schlichtweg ignoriert. Auch mit den Verantwortlichkeiten wird es immer schwieriger. Personen übernehmen weniger Verantwortung und haben weniger Lust darauf, sich für eine bestimmte Aufgabe verantwortlich zu zeigen.
Bei wichtigen Aufgaben, die verteilt werden müssen, fangt ihr auf einmal an aufzurechnen:
Wer hat was schon gemacht?
Wer hat letztes Mal die Arbeit übernommen?
Warum soll ich das jetzt schon wieder machen?
Statt die Aufgaben einfach schnell untereinander zu verteilen und damit das beste Ergebnis für euch zu erzielen, fließt plötzlich Energie in die Frage, wer eigentlich wie viel für wen macht.
Eure Zusammenarbeit leidet möglicherweise auch darunter, dass sich Lager gebildet haben.
Bei Sachfragen wird dann irgendwann gar nicht mehr danach geschaut: Was steckt inhaltlich hinter diesem Vorschlag?
Sondern:
Von wem – oder aus welchem Lager – kam dieser Vorschlag?
Eure Energie richtet sich dann irgendwann nicht mehr auf die gemeinsame Aufgabe, sondern aufeinander.
Konflikte kosten Geld
Konflikte belasten uns, unsere Beziehungen und unsere mentale Gesundheit. Sie limitieren uns in der Zusammenarbeit und können die Qualität unserer musikalischen Ergebnisse mindern.
Vor allem aber kosten Konflikte auch Geld.
Konflikte kosten Geld, weil Arbeit durch Konflikte ineffizient wird. Entscheidungen verzögern sich und werden verschleppt. Abstimmungsprozesse dauern länger. Managementzeit fließt in interne Konflikte statt in die eigentliche Arbeit.
Manchmal steigen Musiker*innen aus und müssen durch andere ersetzt werden. Diese Umbesetzungen verursachen einen erheblichen Proben- und Einarbeitungsaufwand.
Ganze Projekte, Auftritte oder im Extremfall Studiotermine sind gefährdet und müssen manchmal sogar abgesagt werden.
Und dann gibt es noch einen weiteren Punkt mit dem schönen Wort Opportunitätskosten.
Übersetzt heißt das ungefähr:
Was hätten wir erreichen können, wenn uns dieser Konflikt nicht so beschäftigt hätte?
Musikalische Projekte und Bands, die erfolgreich sind, haben in der Regel viele Jahre Aufbauarbeit hinter sich.
Wenn also der schlimmste Fall eintritt und eine Musikgruppe sich letztendlich auflöst, weil Konflikte nicht bearbeitet und nicht gelöst werden, dann zerbricht damit auch ein wirtschaftlich funktionierendes Projekt.
Die jahrelange Aufbauarbeit zahlt sich dann auch finanziell nicht aus.
Für die betreffenden Musiker*innen ist das häufig katastrophal. Statt die Früchte der langen Vorarbeit irgendwann ernten zu können, stehen jetzt alle wieder vor der Frage:
Wie kann es weitergehen?
Die Aufbauarbeit für ein neues musikalisches Projekt beginnt dann wieder ganz von vorn.
Aus der Praxis: Zwei Jahre umsonst gearbeitet – das war teuer
Hierzu ein Beispiel aus meiner Praxis.
Als Mediator durfte ich eine Band begleiten, die in ihrer Karriere bereits einige goldene Schallplatten im deutschsprachigen Raum eingesammelt hatte.
Die Band hatte es wirklich geschafft, auch als Unternehmen konstant über viele Jahre erfolgreich zu sein.
Band und Management entwickelten auch einige Seiten-Projekte, die nicht direkt mit der Musik zusammenhingen. Bei einem dieser Projekte gab es jedoch unterschiedliche Interessen innerhalb der Gruppe.
Nur wurden diese nie so richtig geklärt.
Das Ergebnis war, dass die Entwicklung des Projektes nach zwei Jahren abgebrochen wurde. In diesen zwei Jahren Entwicklungszeit waren natürlich einige Kosten aufgelaufen, die nun abgeschrieben werden mussten.
Was kosten Konflikte wirklich?
Es ist wirklich schwer zu sagen, was Konflikte eigentlich kosten. Denn ein großer Teil dieser Kosten taucht natürlich auf keiner Rechnung auf.
Was kostet eine Idee, die nie ausgesprochen wurde? Eine Entscheidung, die drei Monate zu spät getroffen wird? Eine Probe, in der mehr Energie in gegenseitige Vorsicht als in die Musik fließt? Oder eine Band, die nach vielen Jahren gemeinsamer Aufbauarbeit schmerzlich auseinanderbricht?
Ein paar Zahlen aus der Arbeitswelt geben uns zumindest eine Idee von der Größenordnung.
Eine häufig zitierte Konfliktkostenstudie des Hernstein Instituts verweist auf Schätzungen, nach denen etwa 15 Prozent der Arbeitszeit in Unternehmen für Konfliktbewältigung aufgewendet werden. Bei Führungskräften werden sogar Größenordnungen von 30 bis 50 Prozent genannt. Die Zahlen sind inzwischen allerdings etwas veraltet und lassen sich womöglich auch nicht so einfach 1:1 auf Bands und die Musikwirtschaft übertragen.
Dass Konflikte aber nicht nur die Zusammenarbeit, sondern auch unsere Gesundheit belasten können, ist gut belegt. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin beschreibt Zusammenhänge zwischen starken sozialen Konflikten am Arbeitsplatz und psychischen sowie körperlichen Beschwerden. Auch Arbeitszufriedenheit, Bindung und Fehlzeiten können darunter leiden.
Und dass das am Ende auch eine wirtschaftliche Dimension hat, zeigen aktuelle Zahlen von Gallup: Für 2025 werden die Produktivitätsverluste durch fehlende emotionale Bindung von Beschäftigten in Deutschland auf etwa 120 – 140 Milliarden Euro geschätzt. Wichtig: Das sind keine Konfliktkosten! Aber die Zahl zeigt ziemlich eindrucksvoll, welchen wirtschaftlichen Wert Verbindung, Motivation und gute Zusammenarbeit haben können.
Für mich steckt darin vor allem eine gute Nachricht: In einem konstruktiven Umgang mit Konflikten steckt ein riesiges Potenzial. Auch finanziell!
Was meinst du? Wie hoch sind eure Konfliktkosten? Und wie viel Energie, Kreativität und wirtschaftliches Potenzial geht euch vielleicht verloren, weil Konflikte nicht geklärt werden?
Die gute Nachricht: Wir können selbst entscheiden, wie wir mit Konflikten umgehen wollen!
Konflikte können negative Folgen haben für unsere Mental Health, unsere Zusammenarbeit, unsere Beziehungen und auch für unseren wirtschaftlichen Erfolg.
Mir ist es daher besonders wichtig, an dieser Stelle mit einer positiven (und für mich entscheidenden) Perspektive auf Konflikte abzuschließen:
Wir können uns nicht entscheiden, ob wir Konflikte haben wollen oder nicht – aber wir können immer entscheiden, wie wir mit ihnen umgehen wollen.