Konflikte in Musikgruppen – wann wird aus Spannung ein Problem?
Aufmerksamkeit für Konflikte
Hey, schön, dass du hier bist – und vielen Dank für deine Aufmerksamkeit für Konflikte in Musikgruppen, Bands und Ensembles.
Und wo wir gerade bei Aufmerksamkeit sind: genau die solltest du dir bewahren.
Denn wir brauchen Aufmerksamkeit, um Konflikte früh erkennen zu können. Und je früher wir sie erkennen, desto größer ist die Chance, dass wir noch gut mit ihnen umgehen können.
In der Praxis werden Konflikte ausgehalten
In meiner Arbeit als Mediator erlebe ich immer wieder Konflikte, die über Monate oder manchmal sogar über Jahre nicht bearbeitet wurden. Das kostet alle Beteiligten viel Kraft. Die Freude an der gemeinsamen Arbeit geht verloren. Kommunikation wird schwieriger. Und irgendwann leiden auch die musikalischen und wirtschaftlichen Ergebnisse darunter.
Das Bemerkenswerte daran: Häufig können die Beteiligten im Nachhinein ziemlich genau beschreiben, wann die ersten Spannungen aufgetaucht sind. Nur wurden sie damals nicht als wichtig genug angesehen. Oder, es erschien einfacher diese Spannungen auszuhalten, als sie offen anzusprechen.
Und genau darum geht es in diesem Artikel:
„Wann wird aus einer normalen Spannung eigentlich ein Konflikt – und wann wird aus einem Konflikt irgendwann ein echtes Problem für eure Band, euer Ensemble oder euer Orchester?“
Konflikte schleichen sich ein
Zwischenmenschliche Konflikte kommen selten über Nacht. Sie entstehen und wachsen eher langsam. Stück für Stück. Der beste Dünger für dieses Wachstum ist übrigens, die Schwierigkeiten und den Konflikt nicht anzusprechen. Dann kann er sich besonders ungestört und „gut“ entwickeln.
Manchmal passiert es in Musikgruppen allerdings, dass plötzlich etwas mit ziemlich viel Energie sichtbar und vor allem auch hörbar wird.
Jemand rastet aus.
Menschen schreien sich an.
Jemand verlässt die Probe oder das Meeting.
Oder es fällt dieser eine Satz: „So, das war’s, ich bin raus.“
Das fühlt sich dann an wie ein Tsunami, der plötzlich alles überrollt. Oder wie ein Vulkan, der ohne Vorwarnung ausbricht.
Nicht selten ist genau so etwas passiert, bevor ich mit einer Band oder einem Ensemble zusammenarbeite. Es gab diesen einen heftigen Streit. Menschen sind laut geworden, haben sich gegenseitig beschuldigt oder angeschrien.
Und alle fragen sich: „Wie konnte das denn jetzt so eskalieren?”
Wenn wir dann gemeinsam anfangen, uns den Konflikt genauer anzuschauen, stellen wir fast immer fest: So plötzlich war das gar nicht.
Die Spannungen, die zu diesem Ausbruch geführt haben, gab es schon viel länger. Wochen, Monate, manchmal Jahre. Es hat sich im wahrsten Sinne des Wortes Energie aufgebaut.
Ein Beispiel aus meiner Praxis: Band X auf Tour
Bei einer Band, mit der ich gearbeitet habe – nennen wir sie einmal Band X –, ist genau das passiert. X war auf einer sehr erfolgreichen Tour durch Deutschland. Zehn Tage im Nightliner, ausverkaufte Hallen, das neue Album im Gepäck.Zum Ende dieser Tour entstand Stress, weil das Verhalten einer Person von mehreren Musiker*innen und Menschen aus der Crew zunehmend kritisch gesehen wurde.
Eigentlich wäre jetzt ein ziemlich guter Zeitpunkt gewesen, miteinander konstruktiv ins Gespräch zu kommen. Zum Beispiel über Fragen wie:
„Was ist für uns als Gruppe gerade schwierig an diesem Verhalten?”
Und:
„Was brauchen wir in Zukunft voneinander, damit unsere Zusammenarbeit auf und neben der Bühne gut funktioniert?”
Das wäre sogar eine echte Chance zur Weiterentwicklung gewesen.
Stattdessen eskalierte die Situation, gefühlt „aus dem Nichts“. Beschuldigungen, Abwertungen, Zuschreibungen und gegenseitige Vorwürfe führten dazu, dass die verbleibenden Tourtage für alle Beteiligten zur Strapaze wurden. Die Mitglieder der Band zweifelten, ob es wohl überhaupt Sinn macht, weiterzumachen.
Und dabei entlud sich nicht nur der Ärger über diese eine konkrete Situation. Plötzlich waren da noch ganz andere Dinge. Alte Geschichten. Frühere Verletzungen. Situationen, die nie geklärt worden waren. Unterschiedliche Wahrnehmungen darüber, was irgendwann einmal passiert war.
Alles wurde miteinander vermischt.
Und dann platzte es auf einen Schlag aus Musiker*innen und Crew heraus. Die Energie dafür hatte sich allerdings schon lange vorher angesammelt.
Und genau deshalb lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen:
Ab wann haben wir es eigentlich mit einem Konflikt zu tun?
Was ist überhaupt ein Konflikt?
Lass uns das hier einmal zu klären. Denn was keinen Namen hat, ist auch ziemlich schwer zu besprechen. 😉
Natürlich gibt es in der Konfliktforschung unterschiedliche Definitionen dafür, was genau ein Konflikt ist.
Für den Alltag in Bands, Ensembles und anderen Musikgruppen arbeite ich gerne mit einer sehr einfachen Unterscheidung. Ich finde sie deshalb so hilfreich, weil sie nicht nur erklärt, was ein Konflikt ist. Du kannst sie gleichzeitig nutzen, um dich selbst zu beobachten.
Ich unterscheide zunächst zwischen Spannung und Konflikt.
Spannung = Ein wichtiges Bedürfnis ist nicht erfüllt
Wenn ein wichtiges Bedürfnis nicht erfüllt ist, entsteht zunächst einmal eine Spannung. Und dafür müssen übrigens nicht beide Menschen ein Problem miteinander haben. Es reicht vollkommen, wenn eine Person die Situation als schwierig erlebt.
Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel:Die Gitaristin meiner Band kommt regelmäßig zu spät zur Probe.
Vielleicht sind dadurch bei mir Bedürfnisse nach Verlässlichkeit und Verbindlichkeit nicht gut erfüllt. Vielleicht geht es für mich aber auch um Zugehörigkeit: Ich möchte das Gefühl haben, dass diese Band für uns alle wichtig ist und wir gemeinsam Verantwortung dafür übernehmen.
Ich merke:
Das stört mich.
Vielleicht ärgere ich mich.
Da ist eine Spannung.
Noch muss daraus überhaupt kein großes Problem werden.
Konflikt = Spannung + Abwertung
Interessant wird es, wenn zu dieser Spannung etwas dazukommt: Abwertung.
Bleiben wir beim gleichen Beispiel mit der Gitaristin.
Sie kommt wieder zwanzig Minuten zu spät. Meine Bedürfnisse nach Verlässlichkeit, Verbindung und Zugehörigkeit sind nicht gut erfüllt.
Und jetzt denke ich: „Diese Person ist einfach komplett unfähig, pünktlich zu kommen. Dass wir hier alle schon seit zwanzig Minuten warten, ist ihr doch scheißegal. Sie macht immer nur, was sie will. Ganz ehrlich: Ihre Einstellung zu unserer Band geht mir richtig auf den Senkel.“
Jetzt passiert etwas anderes. Ich ärgere mich nicht mehr nur über ein konkretes Verhalten. Ich beginne, die Person abzuwerten.
Und damit sind wir für mich bereits bei einem Konflikt.
Warum finde ich diese Unterscheidung so hilfreich?
Vor allem aus zwei Gründen.
Der erste ist: Ich spreche lieber etwas zu früh von einem Konflikt als zu spät.
Das Wort Konflikt klingt für viele Menschen schon ziemlich groß. Deshalb wird häufig lange gesagt:
„Ach, wir haben doch keinen Konflikt.“
„Das ist gerade nur ein bisschen schwierig.“
„Der braucht einfach noch ein bisschen Zeit.“
„Das kriegen die schon wieder hin.“
Kann alles stimmen… Aber wie wir oben schon gesehen haben: Konflikte haben die unangenehme Eigenschaft, sich ziemlich gut entwickeln zu können, wenn wir ihnen keine Aufmerksamkeit schenken.
Der zweite Grund ist für mich noch wichtiger: Die Unterscheidung ist ein wirklich hilfreiches Instrument zur Selbstreflexion.
Du kannst dich nämlich selbst fragen: „Erlebe ich gerade eine Spannung?” Also: Ist ein wichtiges Bedürfnis von mir nicht erfüllt? Oder bin ich schon einen Schritt weiter? Bin ich dabei, die andere Person abzuwerten?
Wenn du bemerkst, dass du einen Menschen in deinen Gedanken oder gegenüber anderen immer wieder abarbeitest, dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Vielleicht seid ihr längst in einem Konflikt.
Sind Spannungen schlecht?
Nein. Spannungen sind erst einmal weder gut noch schlecht. Sie sind einfach da.
Und als Musiker*innen kennen wir uns mit Spannung sogar ziemlich gut aus. Stell dir Musik ohne Spannung vor. Keine Reibung. Keine Dissonanz. Keine Erwartung. Nichts, was irgendwohin möchte.
Ehrlich gesagt: ziemlich langweilig.
Musik lebt vom Aufbau von Spannung und davon, dass sich diese Spannung irgendwann wieder verändert oder auflöst. Ein Tritonus darf reiben. Ein schräger Groove darf uns eine ganze Weile in der Luft hängen lassen. Eine Dissonanz fordert unsere Hörgewohnheiten.
Und genau so ist es auch in unserer Zusammenarbeit. Wir sollten nicht versuchen, jede Spannung aus einer Band herauszuhalten. Das wäre weder realistisch noch besonders hilfreich. Wenn fünf Menschen gemeinsam Musik machen, bringen fünf Menschen unterschiedliche Bedürfnisse, Vorstellungen, Erfahrungen und Persönlichkeiten mit. Natürlich entstehen dabei Spannungen.
Die interessante Frage ist: Was machen wir damit?
Sind Konflikte schlecht?
Auch Konflikte sind für mich zunächst einmal nichts Schlechtes.
Ein Konflikt zeigt uns: So wie es gerade läuft, soll es für uns nicht weitergehen. Wir brauchen etwas Neues, etwas anderes. Das kann sogar eine ziemlich wertvolle Information für eine Band oder ein Ensemble sein.
Problematisch wird es vor allem dann,
wenn wir diese Information immer wieder ignorieren.
wenn wichtige Themen nicht angesprochen werden. Wenn Spannungen nicht bearbeitet werden.
wenn wir uns gegenseitig abwerten und diese Bilder voneinander immer stärker werden.
Dann kann sich ein Konflikt verfestigen.
Wann wird es problematisch?
Vielleicht hilft auch hier wieder die Musik.
Stell dir eine Komposition vor, die nur aus Reibung und Dissonanzen besteht. Kein Tritonus löst sich auf. Kein regelmäßiger Groove sorgt zwischendurch für Verlässlichkeit und Entspannung. Klar – kann man machen… Aber für die meisten von uns wird das auf Dauer ziemlich anstrengend.
Bei Konflikten kommt noch etwas hinzu: Wir können uns an die Dauerspannung gewöhnen.
Vielleicht ist die Stimmung bei den Proben seit Monaten schlecht. Vielleicht sprechen zwei Leute kaum noch miteinander. Vielleicht wird bei bestimmten Themen regelmäßig die Luft dünn. Doch irgendwie geht es ja immer weiter.
Die Gigs werden gespielt. Die Tour findet statt. Das Album wird aufgenommen. – Wir funktionieren.
Und irgendwann bemerken wir kaum noch, wie viel Energie uns dieses Funktionieren eigentlich kostet. Spätestens dann hat es der Konflikt ziemlich leicht, sich zu verfestigen und weiterzuwachsen.
Konflikte früh zu erkennen ist keine Schwäche – es ist eine Superkraft
Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke, den ich dir aus diesem Artikel mitgeben möchte: Eine gute Band, ein gutes Ensemble oder eine gute Crew zeichnet sich für mich nicht dadurch aus, dass es dort keine Spannungen und Konflikte gibt.
Die gibt es sowieso!
Entscheidend ist erstens, ob ihr sie wahrnehmt. Und zweitens, ob ihr dann einen Weg findet, darüber zu sprechen, bevor sich immer mehr Energie ansammelt.
Denn vielleicht braucht es noch gar keine große Konfliktklärung. Vielleicht braucht es erst einmal nur diesen einen Satz: „Ich merke gerade, da ist etwas zwischen uns. Können wir darüber reden?“
Konfliktkompetenz beginnt genau dort. Nicht beim perfekten Konfliktgespräch. Sondern bei der Aufmerksamkeit dafür, dass gerade etwas passiert.
Aber woran kannst du eigentlich erkennen, dass sich ein Konflikt bei euch entwickelt – gerade dann, wenn niemand laut wird oder offen streitet? Genau darum geht es im nächsten Artikel:„Woran erkenne ich Konflikte in meiner Band oder meinem Ensemble?“
Hey, ich bin Jochen Reich,
systemischer Coach, zertifizierter Mediator und Musiker aus Hamburg. Mit Freude habe ich im Laufe meiner Beratertätigkeit meine Spezialisierung im Konfliktmanagement gefunden.
Ich begleite als Mediator Musikgruppen und Teams bei der Klärung von Konflikten. Als Organisationsentwickler treibe ich den Wandel hin zu einer konstruktiven Konfliktkultur voran.
Menschen zu befähigen, selbstständig die besten Konfliktlösungen zu entwickeln, ist meine Mission.