Woran erkenne ich Konflikte in meiner Band oder meinem Ensemble?
Konflikte sind nicht immer laut
Konflikte verbinden wir häufig mit Streit. Die Idee ist dann, dass wir erst einen Konflikt haben, wenn dieser wirklich sichtbar ist und laut gestritten wird. In der Praxis ist es oft aber ganz anders und genau das Gegenteil ist der Fall: Viele Konflikte drücken sich eher darin aus, dass es leise statt laut wird. Z. B.:
Zwei Personen sprechen kaum noch miteinander.
Menschen bringen, anders als früher, keine Ideen mehr in die Gruppe ein.
Beim Abendessen auf Tour oder im Studio bilden sich immer wieder die gleichen Grüppchen.
Ein bestimmtes, wichtiges Thema wird seit Monaten nicht mehr angesprochen.
Ein Konflikt, der sehr leise kam
In einer erfolgreichen Folk-Band, die ich als Mediator begleiten durfte, ist es genauso gewesen.
Diese Band hatte sich über viele Jahre eine treue Fangemeinde aufgebaut und hatte mittlerweile einen richtig gut gebuchten Tourkalender, der praktisch über das ganze Jahr lief. Im Laufe der Zeit kam es auch zu einigen Umbesetzungen, aber das Business der Band lief wirklich gut und stabil.
Eine Person aus der Gruppe hatte jedoch an vielen Stellen andere Vorstellungen davon, wie die geschäftliche Seite der Band zu handhaben sei. Dadurch entstanden immer wieder Spannungen und Konflikte. Diese wurden aber nicht wirklich kommuniziert. Stattdessen wurde mehr übereinander als miteinander geredet. Einzelne Bandmitglieder versuchten sogar, das Problem ganz mit sich selbst zu lösen, statt die Schwierigkeiten öffentlich zu besprechen.
Der zwischenmenschliche Konflikt konnte sich so immer weiter entwickeln und wurde durch das Verhalten der Personen quasi sogar noch geschützt. Der Konflikt war so leise, dass man ihn noch nicht einmal richtig besprechen konnte.
Durch das Schweigen und das Nicht-Ansprechen der vorhandenen Konflikte ist die Band damals fast zerbrochen – was besonders tragisch gewesen wäre, denn es lief musikalisch und wirtschaftlich ja sehr gut. Erst in der Mediation konnte eine tragfähige Lösung für alle Beteiligten erarbeitet werden, die das Fortbestehen der Band möglich machte.
Konflikte, die nicht sichtbar sind, sind auch nicht besprechbar.
In dieser Band hatten wirklich alle Beteiligten eine gute Intention. Eine Person hatte eine andere Vorstellung vom Business und war überzeugt, dass dies noch besser gestaltet werden und die Band somit weiter wachsen könne.
Auch die Zurückhaltung der anderen hatte eine gute Intention. Man wollte weiter zusammenhalten und die Angst, dass die Band vielleicht auseinanderbrechen würde, wenn man das Thema offen ansprechen würde, sorgte dafür, dass das Schweigen als eine bessere Option als das offene Ansprechen gewertet wurde.
Konfliktvermeidung schützt kurzfristig oft Beziehungen, Projekte oder Auftritte – langfristig verstärkt sie jedoch die bestehenden Probleme.
Ist es immer schlecht, Konflikte zu meiden?
Zurückhaltung und das Vermeiden von Konflikten können, besonders auf kurze Dauer, auch einmal die richtige Entscheidung sein. So ist zum Beispiel eine Stunde vorm Gig kein guter Moment, um streitige Grundsatzfragen zum Business anzusprechen.
Kurze Orientierung für die Praxis:
Kurzfristiges Aufschieben kann hilfreich sein – Vermeidung auf Dauer verstärkt Probleme jedoch. Langfristig ist die Konfliktvermeidung echtes Gift für Menschen, die zusammenarbeiten und gemeinsam etwas erreichen wollen.
Denn: Was nicht besprochen werden kann, kann auch nicht geklärt werden.
Woran erkennst du, dass ein Konflikt in eurer Band entsteht?
Es ist gar nicht immer so einfach, festzustellen, ob ein Konflikt gerade problematisch wird. Als Orientierung zeige ich dir hier drei Bereiche, auf die ihr achten solltet:
Wie redet ihr miteinander?
Was passiert mit euren Beziehungen?
Und was bemerkst du eigentlich bei dir selbst?
(Am besten teilst du das direkt mit den anderen aus deiner Gruppe, dann bist du nicht allein damit.)
1. Kommunikation – wie redet ihr miteinander?
Ihr redet mehr übereinander als miteinander.
Mit diesem Check fängst du am besten bei dir selbst an. Nehmen wir an, du hast eine Spannung mit eurem Management. Mit wem sprichst du regelmäßig darüber? Mit dem Management? Oder eher mit deinem Kollegen aus der Rhythm Section?
Natürlich dürfen wir bei anderen auch mal unseren Ärger loswerden, uns „auskotzen“ und Luft machen. Auch das gehört zum Leben dazu. Schwierig wird es aber, wenn das die einzige Form der Kommunikation über den Konflikt bleibt.
Das gilt auch, wenn immer wieder andere Menschen zu dir kommen und dir erzählen, wie „dämlich“, „unsensibel“ oder „unmöglich“ jemand anderes ist.
Frag dich dann ruhig: „Redet diese Person eigentlich auch mit dem Menschen, um den es geht?” Wenn nicht, lohnt es sich genauer hinzuschauen.
Bestimmte Themen werden vermieden
Vielleicht gibt es dieses eine Thema, bei dem alle wissen: Bloß nicht ansprechen… Weil es sonst wieder losgeht…
Vielleicht geht es um Geld. Um Entscheidungen des Managements. Um musikalische Zuständigkeiten. Um die Besetzung. Um euren Social-Media-Auftritt. Oder um das Verhalten einer bestimmten Person.
Wenn wichtige Themen dauerhaft nicht mehr besprechbar sind, ist das ein deutliches Warnsignal.
Gespräche eskalieren immer schneller
Auch das kannst du beobachten: Dinge, über die ihr früher relativ entspannt sprechen konntet, führen plötzlich zu heftigen Reaktionen.
Manchmal betrifft das immer dasselbe Thema. Manchmal ist es irgendwann fast egal, worüber gesprochen wird. Dann kann es sein, dass längst so viel Spannung im Raum ist, dass ein relativ kleiner Anlass reicht, um sie zu entladen.
Ironie und Spitzen nehmen zu
Bei Ironie und Spitzen gilt – wie bei so vielen Dingen: Die Dosis macht das Gift.
Ein ironischer Umgangston und das gegenseitige Aufziehen durch spitze Bemerkungen sind ja häufig erst einmal liebevoll, lustig und sorgen für Leichtigkeit. (Das alles sind übrigens wichtige Bedürfnisse!)
Wenn du aber beobachtest, dass Ironie immer häufiger Teil eurer Kommunikation wird, dann kann es sein, dass eigentlich ein Konflikt dahintersteckt, der aber nicht offen angesprochen wird.
2. Beziehungen – was passiert zwischen euch?
Es bilden sich Lager
Eine typische Konfliktdynamik ist, dass aus einem Konflikt zwischen zwei Menschen irgendwann ein Konflikt zwischen Gruppen wird.
Da gibt es plötzlich Team A und Team B. Diese Teams schließen sich zu Lagern zusammen, oftmals wird auch versucht, noch weitere Personen für das eigene Lager zu gewinnen.
Meistens gibt es dann auch noch ein Team C: diejenigen, die eigentlich nur ihre Ruhe haben und Musik machen wollen und zunehmend darunter leiden, dass A und B ihren Konflikt nicht geklärt bekommen.
Letztlich blockieren sich so alle gegenseitig. Und es entsteht ein Nachteil für alle.
Einzelne ziehen sich zurück
Vielleicht fällt dir auf, dass sich jemand immer weniger an Diskussionen beteiligt.
Ideen werden nicht mehr eingebracht. Nach der Probe geht die Person sofort. Auf dem Tourbus sitzt sie lieber allein.
Manchmal ist ein zeitlich begrenzter Rückzug einfach ein Versuch, für sich selbst wieder etwas Sicherheit herzustellen. Aber es kann auch bereits Resignation sein.
Euer Wohlwollen füreinander geht verloren
Diesen Punkt finde ich besonders wichtig. Wir alle gehen uns gegenseitig mal auf den Geist. Hand aufs Herz: Das ist doch ziemlich normal. Wenn aber das grundlegende Wohlwollen gegenüber einer Person verloren geht, verändert sich etwas. Plötzlich wird fast alles, was diese Person macht, negativ interpretiert.
Sie kommt zu spät: „Typisch.“ Sie macht einen musikalischen Vorschlag: „Natürlich muss sie sich wieder durchsetzen.“ Sie sagt nichts: „Jetzt schmollt sie wieder.“
Irgendwann sehen wir nicht mehr nur ein Verhalten, das uns stört. Wir sehen einen schwierigen Menschen. Spätestens dann solltet ihr sehr genau hinschauen.
Das gegenseitige Vertrauen nimmt ab
Entscheidungen in eurer Gruppe werden immer wieder hinterfragt.
„Warum wurde ich nicht gefragt?“
„Was oder wer steckt dahinter?“
„Sorgt dieser Vorschlag nicht nur wieder dafür, dass die Person XY ihren Willen bekommt?“
Statt euch untereinander zu vertrauen, beginnt ihr, bei den anderen Motive zu vermuten. Vielleicht gehst du irgendwann sogar davon aus, dass eine andere Person mit ihrem Verhalten dir oder anderen schaden möchte.
3. Deine eigene Wahrnehmung – was passiert eigentlich mit dir?
Die Entstehung eines Konfliktes kannst du nicht nur bei den anderen beobachten. Vielleicht ist der beste Ort, um anzufangen, sogar bei dir selbst.
Du beschäftigst dich ungewöhnlich viel mit einer Person.
Euer Band-Meeting ist seit drei Stunden vorbei. Aber das Gespräch läuft immer noch in deinem Kopf:
„Das hätte ich sagen sollen.“
„Warum hat er das eigentlich so gesagt?”
„Beim nächsten Mal sage ich ihm aber, dass …”
Du liegst vielleicht sogar abends im Bett und führst das Gespräch noch einmal weiter. Auch das kann ein Zeichen dafür sein, dass etwas bei dir nicht geklärt ist.
Du gehst mit einem unguten Gefühl zur Probe.
Vielleicht merkst du schon einen Tag vorher: „Ach Scheiße, morgen sehe ich Person XY wieder.” Oder du steigst in den Tourbus und spürst Druck im Bauch.
Dein Körper kann auf Konflikte mit Anspannung, Unruhe oder schlechtem Schlaf reagieren. Natürlich können all diese Dinge auch viele andere Ursachen haben. Aber es lohnt sich, hinzuschauen.
Was genau ist hier gerade nicht gut für mich? Und hat das vielleicht mit einem Menschen oder einer Situation in meiner Band, meinem Ensemble oder meiner Crew zu tun?
Deine innere Sprache verändert sich.
Hör dir selbst einmal dabei zu, wie du in Gedanken über bestimmte Menschen sprichst.
„So ein Idiot.“
„Sie ist sowas von nervig.“
„Nie kriegen die das hin.“
„Immer reagiert er so.“
Da sind Abwertungen. Da sind Verallgemeinerungen. Und hie lohnt es sich ganz ehrlich zu dir selbst zu sein: Bist du einfach „nur mal genervt”? Oder hast du nicht doch eher schon einen echten Konflikt?
Ein Warnzeichen allein macht noch keinen großen Konflikt.
Eine Sache ist mir hier noch wichtig:
Nur weil du eine dieser Veränderungen einmal beobachtest, heißt es noch nicht, dass ihr einen problematischen Konflikt in eurer Gruppe habt.
Nur weil jemand nach der Probe einmal wortkarg nach Hause fährt, habt ihr natürlich nicht automatisch einen Konflikt. Oder wenn du einmal schlecht schläfst und mit den Gedanken beim letzten Meeting hängen bleibst, ebenfalls nicht. Für solche Verhaltensweisen kann es ganz verschiedene Gründe geben.
Du solltest aber ruhig darauf achten, ob es Veränderungen bei euch gibt und du vielleicht ein Muster darin feststellen kannst. Außerdem kannst du darauf zu achten, ob dieses Verhalten vielleicht immer häufiger auftritt oder extremer wird.
Diese drei Fragen können dir dabei helfen:
Ist es anders als früher?
Passiert es immer wieder?
Treten mehrere dieser Anzeichen gleichzeitig auf?
Damit kannst du dir schon mal eine ganz gute Orientierung verschaffen.
Erst wahrnehmen – dann handeln
Der erste und wichtigste Schritt ist immer, dass ihr beginnt, Konflikte wahrzunehmen und ihnen offen zu begegnen.
Dabei hilft auch die Haltung, dass Konflikte an sich nichts Schlimmes und auch nichts Schlechtes sind. Ganz im Gegenteil: Wenn wir konstruktiv mit Konflikten umgehen, dann können sie sogar dabei helfen, euch als Team, als Band, als Ensemble und als Unternehmen weiterzuentwickeln. Jeder Konflikt kann für euch eine Entwicklungschance sein.
Solange wir denken: „Oh nein, ein Konflikt. Wie blöd, das darf nicht sein!“, wird es schwierig, konstruktiv mit Konflikten umzugehen. Denn was nicht gesagt werden darf, kann auch nicht besprochen werden. Und was nicht besprochen werden kann, kann nicht geklärt werden.
Dabei müsst ihr noch gar nicht wissen, wie ihr diesen Konflikt lösen könnt. Vielleicht ist der erste Schritt viel kleiner: wahrzunehmen und anzuerkennen, dass sich bei euch etwas verändert hat. Dass ihr anders miteinander redet. Dass Vertrauen verloren gegangen ist. Dass ihr euch aus dem Weg geht. Oder dass du selbst merkst: Irgendetwas fühlt sich hier nicht mehr gut an.
Genau das erst einmal wahrzunehmen und ernst zu nehmen, ist bereits ein wichtiger Schritt.
Denn Konflikte verschwinden leider selten dadurch, dass wir sie ignorieren. Im Gegenteil: Wenn sie über längere Zeit ungelöst bleiben, können sie anfangen, die Zusammenarbeit einer ganzen Band oder eines Ensembles zu verändern.
Aber was genau passiert eigentlich mit einer Musikgruppe, wenn Konflikte über längere Zeit ungelöst bleiben?
Darum geht es im nächsten Artikel.